Der rechte Etatismus - alte Illusion in neuen Schläuchen

Tommy Casagrande


Die Tragik unserer Zeit besteht darin, dass der erstarkende rechte Etatismus sich anschickt, sich als Alternative zum links-grünen Etatismus zu stilisieren. Menschen, die nachvollziehbarerweise unzufrieden waren mit den Inhalten eines Systems, ersehnen Inhalte herbei, die befreiend wirken, weil sie anders oder neu sind und vor allem, weil sie lange Zeit nicht Mainstream gewesen zu sein schienen. Doch nachdem die Lust befriedigt sein wird, muss man mit den neuen Ergebnissen leben. Und diese scheinen sich nicht großartiger weise von den Inhalten zu unterscheiden, die als Feindbild betrachtet werden.

Echter Staatsabbau ist auch von rechten Etatisten unerwünscht. Eine Kultivierung der Intoleranz als kulturelles Gut hochzuhalten, erscheint mir als nicht geeignet um damit eine Gesellschaft gesunder Werte gedeihen zu lassen. Es macht es schwierig, liberale Werte wie kosmopolitisches Denken, Weltoffenheit, Freihandel, offene und transparente Märkte durchzusetzen. Rechts ist der große Bruder der linken Schwester. Diese Geschwister produzieren viel Übel, wenn sie die Macht haben, eine Gesellschaft zu gestalten.

Beim rechten Etatismus entwickelt sich die Übelkeit erst allmählich. Was man aber erkennen kann: Sie orientieren sich an ihrem links-etatistischem Vorgänger. Es gibt eine neue political corectness und die alte wird inkorrekt. Was nicht rechts ist, ist links-grün, auch dann, wenn es liberal ist. Man spottet über rationale Positionen in Sachthemen und diffamiert, wer nicht der rechten Deutung entspricht. Alles schon mal dagewesen. Nur auf links-etatistischer Seite.

Tragischer weise glauben viele Menschen, auch jene die sich selbst als libertär oder liberal betrachten oder damit sympathisieren, dass rechter Etatismus darum Freiheit bedeutet, weil es kein linker Etatismus ist. Hier würde ich jedoch dafür plädieren, sich einer Traumatherapie unterziehen zu lassen. Ohne mich lustig machen zu wollen, denke ich tatsächlich, dass viele Menschen durch etatistische Ideologien traumatisiert sind und in ihrer politischen Einschätzung ihrer Urteilskraft beraubt werden, umso länger sie unter einer bestimmten ideologischen Form des Etatismus gelebt haben. Wer beispielsweise in einem Zeitalter des linken Etatismus aufgewachsen ist, und sich mit diesem inhaltlich nicht identifizieren konnte, vielleicht auch oder gerade, weil er nicht durch ihn profitiert hat, wird für längere Zeit jeden Inhalt abzulehnen geneigt sein, den er mit linkem Etatismus identifiziert. Das jedoch ist das Problem. Denn es sind nicht die Inhalte, die das Problem stellen sondern die Strukturen!

Struktur meint, dass man gezwungen werden darf, soll oder muss, bestimmte, beliebig auszutauschende Inhalte, anzuerkennen und sie in das eigene Leben zu integrieren. Das ist das Problem. Dieses gilt sowohl beim linken Etatismus als auch beim rechten Etatismus. Problematischer weise wird jedoch hauptsächlich über Inhalte gesprochen und über Inhalte die Zugehörigkeit zur richtigen oder falschen Ideologie ausgewertet.

Im Anarchokapitalismus ist jeder Inhalt, so er denn auf der Wahrung von Eigentumsrechten beruht, akzeptabel und zu tolerieren. Das wird von jenen im Wahn des Abbruchs des alten und dem Aufbruchs des neuen vergessen oder abgelegt wie ein überflüssiger Rucksack. Hauptsache, eine Abkehr alter Inhalte, egal, ob die Struktur die gleiche bleibt. Und in diesem Sinne, ändert sich mit rechtem Etatismus im Vergleich zum linken Etatismus gar nichts. Was sich ändert ist die Perspektive der Illusion. Auf einmal kann man sich der Illusion hingeben, rechter Etatismus bewirke Besserung, Gesundung, Erneuerung, Aufbruch. Alte Illusion in neuen Schläuchen.

Für den Libertarismus hat sich nichts geändert. Doch vielleicht sind es die Liberalen und ihre scharfsinnigen libertären Brüder und Schwestern, die es vermögen, dem rechten Etatismus auf dem Schlachtfeld des Intellektualismus, der Ethik und der Moral Einhalt zu gebieten und über ihn zu siegen.

Meine Theorie ist, dass auf rechte Herrschaft ein liberales Zeitalter folgt, auf ein liberales Zeitalter die linke Herrschaft und auf die linke Herrschaft die rechte usw. Linker Etatismus hat gegenüber dem Liberalismus den Vorteil, Freiheit über den Staat käuflich und verkäuflich zu machen. Rechter Etatismus wiederum ist eine zwingende Folge des linken Etatismus, wenn diesem die finanziellen Mittel ausgehen. Und Liberalismus ist der natürliche Feind der rechten Gesinnung, die mit ihren engen Grenzen, das Leben der Menschen allzu sehr einzuschränken gedenkt. Meine Theorie kann falsch sein, doch das ist meine bisherige Beobachtung. Ich würde sie für insofern auch als optimistisch betrachten, da das liberale Zeitalter somit eine Frage der Zeit ist.

 

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Rubriken: Etatismus Demokratie

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